Ludwigsburger Berichte
16.08.1978
johnny hat eine kruste auf der stirn, die aussieht wie liechtenstein, sofern man liechtenstein aus dem gedächtnis auf einen hund zeichnet. niemand weiß, woher sie kommt. eines morgens war sie da und machte bereits einen eingesessenen eindruck.
wenn man sie berührt – johnny duldet das ja, solange man ihn nicht beim schmatzen unterbricht –, fühlt sie sich an wie alter ton, so trocken und bröselig.
peter sagt immer, es sei ein zweites gehirn.
„das erste ist ihm zu voll“, sagt er.
ich frage: womit?
peter schaut mich an. offenbar bin ich teil des problems.
am dienstag gegen halb fünf greift johnny an.
bis dahin liegt er auf seiner decke, wohin wir ihn mit zwei halben leberwurstbroten und einer reihe unhaltbarer versprechen gelockt haben. dann hebt er den kopf. sein blick trifft peter mit der ganzen kälte seiner letzten nebenkostenabrechnung, in der erstmals auch die kindheit berücksichtigt wurde.
johnny springt auf, schnappt knapp rechts von peters schulter ins leere und knurrt elektrisch. anschließend rennt er ins bücherregal. nicht dagegen. er will offenbar in die bildung hinein. mit der hüfte bleibt er an der matrizenrechnung hängen, setzt zurück und pinkelt in den zeitschriftenhalter. es trifft wieder die landlust. die könne damit umgehen, sagt peter.
dann wirft johnny sich aufs sofa und schläft ein, noch bevor alle körperteile ihre plätze gefunden haben.
peter holt einen ziegelstein aus der garderobe.
„den garderobenziegel für kleinere anlässe“.
er versucht, ihn sich wie eine hostie auf die zunge zu legen. das gelingt nur im theologischen sinn. tatsächlich steht der stein weit aus seinem gesicht heraus.
peter macht das, wenn er zu viel denken muss. manchmal helfen zahlen.
„vierkommadrei“, sagt er am ziegel vorbei. „vierkommadrei.“
ich warte.
„die zahl wird mich überleben.“
ich frage nicht nach. peters erklärungen beginnen meist harmlos und enden damit, dass man seine mutter ausklammern soll.
in der küche herrscht währenddessen waffenstillstand. johnny betritt die fliesen nicht, am übergang. an der schwelle bleibt er stehen und prüft den boden mit einer pfote, als könnte sich darunter frankreich befinden.
peter spricht mit dem wasserkocher.
„wir beide wissen, dass tee eine notlüge ist.“
der wasserkocher klickt.
„eben.“
seitdem duzen sie sich.
später steht johnny unter dem haselnussstrauch. drei beine, ein hund, soweit rechnerisch alles in ordnung. er blickt lange in eine richtung, die sich bei näherem hinsehen als keine herausstellt. dann hebt er sein einziges hinterbein und pinkelt in die luft.
er trifft weder strauch noch zaun. es scheint ihm um die luft selbst zu gehen. ein schmaler bezirk atmosphäre gehört jetzt johnny. vögel müssten eigentlich fragen.
peter lehnt an der regenrinne.
„er wird langsam seltsam.“
ich sehe ihn an. er hat noch roten ziegelstaub am kinn.
„langsam“, sage ich.
am samstag kommt doris.
sie hat angekündigt, nur kurz zu bleiben. wir stellen vorsichtshalber etwas fürs abendessen heraus.
doris trägt ein geschenk für johnny. richtig eingepackt, mit einer schleife, die bereits vorwurfsvoll aussieht. sie ist eine frau, die selbst beim sitzen den eindruck erweckt, irgendwo einzuschreiten. hunde hält sie für ehemalige menschen. bei johnny glaubt sie, den früheren beruf zu ahnen.
peter hat extra einen ziegel poliert.
„kant“, sagt er und hält ihn ihr hin.
der stein stammt von einer brache in niederwürschnitz. peter sagt, dort habe er etwas ausgestrahlt. vermutlich kälte, aber inzwischen ist er trocken.
doris betrachtet erst den ziegel, dann peter.
„was soll ich damit?“
„nichts. er ist zu besuch.“
das geschenk enthält eine wurst. sie ist lang, blass und so vollkommen glatt, dass ich sie zunächst für ein gerät halte. man möchte nachsehen, wo sie geladen wird.
johnny nähert sich. er riecht an der wurst, berührt sie zweimal mit der vorderpfote und schaut zu peter. es ist der blick eines mieters, dem soeben ein tragender aal eingebaut wurde.
dann dreht er sich mit seinem üblichen swing um und pinkelt in einen plattentellerkarton.
doris empört sich nicht über den urin. das ist biologie, da kennt sie die zuständigkeiten. sie empört sich über die abgelehnte wurst.
„arroganter misthund.“
johnny prüft kurz, ob sie noch etwas essbares sagt, und kratzt sich.
„und du“, sagt doris zu peter, „bist ein unerzogener kartoffelkasper.“
peter nimmt die wurst und stellt sie ins bücherregal. sie hält sich erstaunlich gut neben der matrizenrechnung.
„johnny ist momentan in einer phase.“
„in was für einer phase?“
„einer länglichen.“
doris holt luft. viel luft. man hört, dass sie sie nicht unverbraucht zurückgeben wird.
das anschließende gespräch besteht überwiegend aus doris und den stellen, an denen peter gern etwas gesagt hätte. nach einer weile gehe ich in den flur und sehe auf den gaszähler. hier wird wenigstens ordentlich mitgezählt.
johnny folgt mir. er geht langsam, mit dem gesicht eines papstes, dessen koffer in dortmund steht.
auf der terrasse liegt eine kleine spinne im sterben.
johnny schnüffelt an ihr, setzt sich daneben und kratzt mit dem hinterbein in die luft. es sieht aus, als versuche er, einen sehr kleinen motor anzuwerfen.
„er hat einen abstrakten umgang mit trauer“, erklärt peter später.
„vielleicht juckt es ihn.“
peter schüttelt den kopf. meine deutungen sind ihm oft zu hautnah.
als doris geht, sagt sie: „das mit dem hund wird auch nicht mehr besser.“
johnny niest so knapp, dass es als unterschrift durchgeht.
wir sitzen lange still.
dann fragt peter, ob man einen ziegelstein adoptieren könne.
„sicher“, sage ich. „du musst ihm nur irgendwann sagen, dass er nicht von dir ist.“
peter nickt. das hat er offenbar befürchtet.
johnny schläft auf dem sofa, direkt auf der wurst. keiner von uns hat gesehen, wie sie dorthin gekommen ist. vielleicht ist sie ihm nachgelaufen. jedenfalls sind die beiden jetzt übereingekommen: als wurst wird sie abgelehnt, als gelände aber akzeptiert.
am mittwochmittag erscheint ein mann mit hut. die kleidung hat er auch, war in dem moment aber nicht wahrnehmbar.
er steht plötzlich neben dem lavendel, der bei uns seit jahren durch abwesenheit blüht. niemand hat ihn kommen hören. auch die gartentür nicht, und die meldet normalerweise schon wind schriftlich an.
sein hut ist breit und strohfarben. darunter sitzt ein gesicht wie ein barometer mit integriertem tiefdruckalarm.
johnny bellt nicht.
er neigt den kopf um exakt neun grad nach links und beginnt mit der vorderpfote zu scharren. drei kurze bewegungen, eine pause, dann noch eine. peter beugt sich vor.
„heaviside“, flüstert er. „heaviside ableiten.“
ich schaue auf den hund. für mich sieht es nach pfote aus, aber ich habe früh aufgehört mit mathematik.
„johnny k-k-kennt den mann.“
johnnys bekanntenkreis ist klein. zwei tauben, eine krähe, der peter nicht glaubt, und ein maulwurf, in dessen wohnung johnny einmal wasser gelassen hat. es kam damals zu einem wortwechsel unter der erde.
peter rückt seinen ziegel „nietzsche“ auf der fensterbank nach links. drei zentimeter. mehr ist philosophisch offenbar nicht nötig.
dann öffnet er das fenster.
„kann ich ihnen helfen?“
der mann schaut hoch.
„ich suche einen hund.“
johnny niest.
„wie heißt denn der hund?“
„johnny. dreibeinig und gebildet.“
peter hält sich am fenstergriff fest. sein gesicht wird auf eine unauffällige weise kleiner.
„hier gibt’s keinen johnny.“
neben ihm steht johnny.
es ist keine gute lüge, aber sie steht wedelig aufrecht.
der mann nickt.
„na gut.“
er geht. einfach so. als hätte peter ihm gesagt, die kartoffeln seien noch nicht fertig.
johnny schaut ihm nach, seine augen waren nur noch kleinste schlitze im firmament. einen moment lang scheint er zwischen heulen und pinkeln abzuwägen. dann gähnt er und legt sich auf den flurteppich.
peter schließt das fenster sehr vorsichtig. auch das geräusch soll offenbar nichts verraten.
später frage ich beim tee, was das gewesen sei.
„vielleicht ein rückruf“, sagt peter.
„für den hund?“
er zuckt mit den schultern.
„oder ein irrtum. die haben ja auch viel zu tun.“
johnny bewegt im schlaf die pfoten. er läuft irgendwo. unter dem fell zuckt es auch dort, wo sein viertes bein gewesen sein muss.
peter sieht hin. dann in seine tasse.
ich frage nicht, wer „die“ sind.
einige tage später beschließt peter, dass die küche neu muss.
„kacheltapete“, sagt er. „die tut wenigstens so, als könne man sie abwischen.“
ich halte das für sein bisher verständlichstes renovierungskonzept.
johnny kommt mit in den baumarkt. peter besteht darauf.
„er liebt den geruch von k-k-kleister.“
johnny liegt neben der tür und kaut auf nichts. möglicherweise bereitet er sich vor.
im baumarkt riecht es nach holz, gummi und offizielle lebensgemeinschaften, die nur noch wegen des laminats zusammenbleiben. von der decke hängt ein schild: hier entstehen ideen. darunter steht ein mann vor dichtungsringen und altert vor sich hin.
peter verschwindet in der tapetenabteilung.
„ich brauche etwas, das an bad denkt, aber niemanden zum waschen zwingt.“
der mitarbeiter nickt sofort. solche sätze hört man hier offenbar vor elf.
johnny zieht mit leichtem schwüngeln durch die gänge. an den fußleisten wird er langsamer. so viel unmarkierter besitz auf einmal muss entmutigend sein.
wir finden eine tapete mit blauen kacheln. zwischen den kacheln sind fugen aufgedruckt. peter fährt mit dem finger darüber.
„schön“, sagt er. „da muss man sich den schimmel noch selbst vorstellen.“
an der kasse steht mandy.
ihr name ist auf die arbeitsweste gestickt, darunter steht ich helfe gern. ihr gesicht bittet darum, beides getrennt zu betrachten.
sie trägt eine durchsichtige plastikbox. darin liegen rollschuhe, dübelsets, ein sack blumenerde und eine künstliche orchidee, die als einzige den überblick behält.
peter bezahlt gerade, als mandy versucht, die box anders zu greifen.
ein rollschuh bewegt sich.
die blumenerde rückt nach.
für einen winzigen moment wird in der kiste alles demokratisch, und dann fällt mandy.
johnny steht genau dort, wo sie ankommen wird.
er setzt zum ausweichen an. sein körper bestellt vier beine. drei sind da.
das geräusch ist nicht sehr geräuschig und endgültig.
die künstliche orchidee liegt auf den fliesen und sieht weiterhin betreut aus.
niemand sagt etwas.
dann rückt die kassenschlange einen meter vor. nicht aus bosheit. es ist platz geworden, und damit können menschen schlecht umgehen.
peter schaut nach unten.
die kassiererin hält noch seine karte.
„bon?“, fragt sie, sehr leise.
peter nickt.
er nimmt die tapete. den bon faltet er zweimal, obwohl er sonst alles zerknüllt.
johnny bleibt.
auf dem parkplatz setzt peter die rolle kurz ab. er wartet. dann geht er weiter.
zu hause legt er die tapete in die badewanne.
„soll erst mal ruhen.“
er setzt sich aufs sofa und streicht mit der hand über die stelle neben sich. seine finger machen die kleine kurve, die sie immer über johnnys rücken gemacht haben. die hand weiß es noch nicht.
ich koche tee.
der wasserkocher klickt.
peter antwortet nicht.
kurz nach sieben kratzt es an der haustür.
leise. bestimmt. mit pausen, in denen man öffnen könnte.
peter steht auf.
vor der tür sitzt ein fremder hund.
graues fell. kein halsband.
vier beine.
peter zählt sie ein zweites mal. der hund lässt ihn gewähren.
dann geht er an peter vorbei, legt sich auf johnnys stelle und kratzt sich mit der linken hinterpfote hinter dem ohr. es gelingt ihm sofort.
peter hält noch die tür auf.
er sieht hinaus, bis zum gartentor.
dann lässt er sie ins schloss fallen.